Schüler tragen eigene Texte bei Poetry Slam vor

Weser Kurier vom 17.06.2010
Von Sandra Töbel

Die beiden Slammaster Philip (rechts) und Bleu Broode erklären die Regeln des Wettstreits. Foto: Walter Gerbracht

Die beiden Slammaster Philip (rechts) und Bleu Broode erklären die Regeln des Wettstreits. Foto: Walter Gerbracht

Der Poetry Slam, sinngemäß übersetzt etwa ‘Dichterwettstreit’, war der krönende Abschluss des Projektes ‘Junge Poeten’ von Johanna Tammen aus dem Bürgerhaus und Sonja Höstermann, einer Dozentin für kreatives Schreiben, und dem Schulzentrum Schaumburger Straße.

Seit Februar hatten Schülerinnen und Schüler zweier siebter Klassen an den Texten gearbeitet und das Vortragen geübt, zunächst im Deutschunterricht, später auch im Bürgerhaus. Szenische Texte und Kurzprosa sind entstanden, aber auch ein Rap.

Nicht immer autobiografisch

‘Alle Texte sind selbst geschrieben und haben einen dramatischen Aufbau, einen Anfang, Mittelteil, Schluss und eine Pointe’, erläutert Sonja Höstermann. ‘Die Ich-Perspektive ist nicht identisch mit dem Autor oder der Autorin, obwohl natürlich autobiografische Züge vorhanden sind.’ Diese Unterscheidung erwies sich als sehr hilfreich beim Schreiben. ‘Danach ging es viel leichter’, sagt die Dozentin.

Johanna Tammen hat mit den Jugendlichen für den Auftritt trainiert. Beim Poetry Slam darf jeder Slammer seinen Text unterstützen mit allem, was die Stimme hergibt: schreien, flüstern, singen, mit Rhythmus und ohne, auch klatschen und trampeln ist erlaubt. Keine Darbietung darf länger als fünf Minuten dauern. ‘Sonst kommt die Sirene und übertönt euch gnadenlos’, warnt Philip (12) aus Schwachhausen, einer der beiden Slammaster, wie sich die Moderatoren nennen.

‘Ich schreibe gerne Geschichten und wollte etwas zum Thema Freundschaft machen, auch schlechte Freundschaft’, erzählt Mia (13) aus dem Viertel, die zusammen mit ihrer Freundin Jasmin auf der Bühne stand, ‘weil wir selbst beste Freundinnen sind.’

Nora aus der Östlichen Vorstadt hat über das Ende einer Freundschaft geschrieben: ‘Keiner ist perfekt’ ist der Titel. Für Leon (13) aus Hastedt sollte die Geschichte vor allem spannend und dramatisch sein. Ausdrucksvoll erzählte er von dem Tag, als er es schaffte, über seinen eigenen Schatten zu springen.

Das mussten auch einige der anderen, als sie mit ihren selbst verfassten Texten vor das Publikum traten. Der Spaß am Auftritt war ihnen trotzdem anzumerken. Und außerdem gab es viel Beifall für alle. Das half einigen die erste Nervosität zu überwinden.

‘Das erste Wort ist das schwierigste’, verrät Paula (12) aus Schwachhausen. ‘Aber man sieht das Publikum nicht, weil die Scheinwerfer blenden.’ Paula und ihre Freundin Frieda, ebenfalls zwölf Jahre, aus dem Geteviertel haben den einzigen Rap des Abends vorgetragen. Das Thema war Hoffnung für die Menschen in Haiti und hat sich aus einem Projekttag der Schule ergeben. Für ihre Darbietung haben sie kurzerhand die Zuhörer eingespannt, die mit Händen und Füßen für den Rhythmus sorgten. ‘Damit das Publikum was zu tun kriegt’, begründet es Paula, ‘und uns hat das geholfen.’

Publikum bewertet Beiträge

Die Mitarbeit des Publikums ist beim Poetry Slam ausdrücklich gewünscht. Auch im Bürgerhaus wurde eine Fünfer-Jury gebildet, die jeden Beitrag auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten bewerten musste. Alle anderen durften ihre Wertung mithilfe der Länge und Stärke ihres Applauses mitteilen, wovon sie reichlich Gebrauch machten. Denn der Poetry Slam ist auch ein Wettstreit.

Zum Schluss standen alle gemeinsam auf der Bühne – ein Gewinnerlächeln im Gesicht. Die Vergabe von Punkten dient ohnehin mehr als Ansporn, an den eigenen Texten und der Performance weiterzuarbeiten. Gut möglich, dass es den einen oder die andere inspiriert hat, demnächst auch mal im größeren Rahmen zu slammen.
(Quelle: Weser Kurier vom 17.06.2010)